Vorwort 2008„Ja, mir kommt es vor, dass mein Erscheinen auf dieser Welt ein harter Sturz gewesen ist“, sagt Kaspar Hauser/Bruno S. in Werner Herzogs Film. 182 Jahre nun ist Kaspar Hausers Erscheinen auf dieser Welt her, vor mehr 175 Jahren wurde das „Kind Europas“ aus der Welt gemordet, seit 12 Jahren gibt es die Festspiele - doch dies sind nur Zahlen, die angesichts des Zeitlosen in Kaspar Hauser kaum Relevanz haben. Als ich die Kulturveranstaltung 1998 ins Leben rief, standen die Vorzeichen bezüglich der Kaspar-Hauser-Rezeption auf einem selten starken Negativum, das jedoch längst verwandelt werden konnte. Zu Beginn war auch für mich die Frage gegeben, ob denn Festspiele der richtige Begriff sei. Ja, es gibt, trotz allem Übel, aller Verleumdung, allem Verbrechen und allem Mord, eine Qualität, die nicht davon tangiert wird und unbeschadet die Zeiten durchleuchtet, gleich dem Diamant, der aus reinem Kohlenstoff bei enormem Druck geboren wird. Dies gilt es zu feiern; es adäquat zu feiern ist jedoch ein stetes Üben. Umfassend ist das Programm der sechsten Festspiele, es gibt allein drei Theaterproduktionen - für Erwachsene, für Jugendliche, für Kinder. Denn Kaspar war an sich ein Jugendlicher, wurde aber als Kind „europaweit“ berühmt und ruft vor allem im Erwachsenen die Frage nach der eigentlichen Identität hervor. Heiner Kondschaks so erfolgreiches, am Badischen Staatstheater in Karlsruhe über Jahre gezeigtes Singspiel „Kaspars kurzer Traum vom Glück“ wurde eigens für Ansbach neu bearbeitet. Eine Vielzahl an hochinteressanten Vorträgen zeigt die unglaubliche kulturhistorische Dimension des so genannten „Findlings“ auf, dies im Wechselspiel zu den Künsten, so dass eines dem anderen die Hand reicht. Erstmals wird ein Nürnbergtag mit drei Veranstaltungen eingeführt, auch in Vorbereitung für eine eventuell immer stärker werdende Zusammenarbeit der Städte Ansbach, Nürnberg und Karlsruhe, auch im Zuge des Jahres 2012! Werner Herzogs anfangs erwähnter Film ist nicht nur als solcher, sondern auch als Film mit Audiokommentar zu sehen, durch den sehr aufschlussreiche Erkenntnisse entstehen, so auch, wie stark Bruno S., Kaspars Darsteller, den Film in vielerlei Hinsicht geprägt hat. Er selbst war über Jahre wie verschollen, ja gar für tot geglaubt worden, lebt aber und ist zu sehen in Miron Zownirs starkem Dokumentarfilm von 2003 „Und die Fremde ist der Tod“. Ein Schwerpunkt bildet auch Jakob Wassermanns Roman: „Kaspar Hauser oder die Trägheit des Herzens“, der 1908 veröffentlicht, 2008 sein 100-jähriges Erscheinen feierte, ein Werk, das Epoche machend war! So möchte ich dieses Vorwort beenden mit dem Vorwort, das Wassermann seinem Werk voranstellt: Es ist noch dieselbe Sonne die derselben Erde lacht; aus demselben Schleim und Blute sind Gott, Mann und Kind gemacht. Nichts geblieben, nichts geschwunden, alles jung und alles alt, Tod und Leben sind verbunden, zum Symbol wird die Gestalt. Eckart Böhmer, Intendant Vorwort 2006 Vorwort 2004 Vorwort 2002 Vorwort 2000 Vorwort 1998 zurück |